Wiener Zeitung
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23. März 2010
Große Studie über visuelle Beeinträchtigungen des Wiener Weltkulturerbes – Neue Diskussionen programmiert
Komet-Turm als Welterbe-Problemfall
  • Belvedere: Neuer Hauptbahnhof ohne Auswirkungen.
  • Wehdorn sieht massiven Einfluss auf Schönbrunn durch Hochhaus-Bau.
Von Christian Mayr

Wien - Es ist die bis dato wohl umfangreichste und professionellste Studie über den visuellen Einfluss von Bauprojekten auf ihre Umgebung. Auf Druck der Unesco wurden im Auftrag der Stadt Wien mehr als 50 Blickwinkel auf das Belvedere und das Schloss Schönbrunn untersucht – und jeweils die geplanten Bauvorhaben Hauptbahnhof und Komet-Turm eingemessen. Die der "Wiener Zeitung" in den relevanten Teilen vorliegende "Visual Impact Study" dürfte noch zu zahlreichen Diskussionen führen – vor allem was Schönbrunn betrifft. Die Hauptbahnhof-Türme hingegen scheinen durch die neuesten Bilder endgültig legitimiert zu sein.

60 Meter soll das Hochhaus auf den Komet-Gründen neben dem Meidlinger U4-Center werden; inklusive architektonischer Aufbauten am Randbereich sind es letztlich 73 Meter. Vor vier Jahren hat die Unesco bereits eine Kommission zur Prüfung nach Wien entsandt – trotz vieler Zweifel hieß es danach, die abgespeckte Variante (ursprünglich 120 Meter hoch) werde akzeptiert.

Doch die neuesten Visualisierungen sprechen offenbar eine andere Sprache: "Der Komet-Turm ist für mich ein Problemfall. Da erwarte ich mir einen vehementen Einspruch", sagt der Architekt und Denkmalschützer Manfred Wehdorn, der die Gesamtkoordination dieser Studie innehatte. Seiner Ansicht nach seien zwar die Hauptsichtachsen des Schlosses Schönbrunn (Richtung Gloriette) nicht betroffen, dafür umso mehr die West-Ost-Blickrichtung parallel zum Schloss. "Und auch in den Diagonalen des Gloriettehügels tritt dieser Turm massiv in Erscheinung", erklärt der Denkmalschützer kritisch.

Wehdorns Urteil ist insofern von enormer Bedeutung, als er die Stadt Wien seit Jahren in Sachen Weltkulturerbe berät; und bisher verteidigte er stets die Meinung des Rathauses, wie etwa beim Hochhausprojekt Wien-Mitte, das im Jahr 2003 beinahe den begehrten Welterbe-Status gekostet hätte. Letztlich musste dort ja völlig neu geplant werden.

Ganz andere Ergebnisse als in Schönbrunn liefern die Visualisierungen vom Belvedere: "Hier ist es ganz klar: Es kann kein Zweifel bestehen, dass der gesamte Hauptbahnhof keine negativen Auswirkungen auf das Weltkulturerbe haben wird", so Wehdorn. Bei sämtlichen historischen Sichtbeziehungen würde keiner der insgesamt zwölf Türme vom Belvedere-Garten aus in Erscheinung treten (siehe Bild links oben). Lediglich im östlichen Bereich des Gartens seien manche Turmspitzen minimal zu erkennen – für Wehdorn in einem verkraftbaren Ausmaß. Dass die Hochhäuser vom Teichhof, also bereits hinter dem oberen Belvedere, massiv in Erscheinung treten, ist für Wehdorn nicht relevant: "Das ist keine Frage, aber das ist auch keine historische Ansicht", erklärt der Denkmalschützer. Er geht davon aus, dass die Unesco und dessen Fachbeirat Icomos beim Hauptbahnhof grünes Licht geben werden: "Jeder kann sich anhand dieser Studie ein objektives Urteil bilden", so Wehdorn.

Auch SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker ist nun sicher, dass die Diskussion um den Hauptbahnhof beendet sein wird: "Ich habe auch nie etwas anderes geglaubt. Da wird kein Thema mehr aufkommen." Daher seien auch keine weiteren Umplanungen mehr nötig.

Schicker: "Keine Änderung bei Komet"

Wie berichtet, schrumpfte ja der große Turm der Bahnhofcity wegen der Unesco-Bedenken bereits von 100 auf 88 Meter. Und auch ein Turm des Erste-Campus, der am nächsten zum Belvedere liegt, sei geringfügig abgesenkt worden. "Hier hat sich der Fachbeirat zu meiner Freude zum Freihalten des Belvedere-Blicks entschieden."

Was das Schloss Schönbrunn und das Komet-Projekt betrifft, will der Planungsstadtrat hingegen keine Änderungen mehr vornehmen. "Ich sehe da kein Problemfeld. Die Begründung dafür hätte ich gerne gewusst. Denn das Projekt ist weder in der Kern-, noch in der Pufferzone des Weltkulturerbes." Hier möge sich die Unesco an ihre eigenen Regeln halten, empfiehlt Schicker.

Pikant ist, dass die neuesten Visualisierungen des Komet-Turms, die Teil der Studie sind, unter Verschluss bleiben. Wehdorn verwies auf das Büro Schicker, von dort wurden die relevanten Ansichten nicht übermittelt. In älteren Ansichten ist der Turm klar zu sehen.

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